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„Stirbt die Zeitung im Wandel der Verlagsbranche aus? Wenn ja, warum? Was gibt es für Lösungsansätze oder Alternativen?“

Zehn Anmerkungen zur Zukunft der Zeitung (die nicht „ausstirbt“, aber immer seltener im Papiergewand daherkommen wird).

  1. Zur Branche: Selbstmitleid und Panik sind falsche Berater. Sie verbauen Perspektiven, verhindern Dynamik, die neue Techniken und Möglichkeiten bieten. Blogs, Social Media: Sie sind längst Alltag. Diese Vielfalt, die höhere Zahl an Angeboten, die Echtzeitkommunikation sollen der Untergang des Abendlandes sein? Unsinn. Gerade lokaler und regionaler Journalismus hat mit Kreativität gute Chancen, nicht mit Sparmaßnahmen als Selbstzweck.
  2. Nur der gut ausgebildete Journalist spielt dabei eine seriöse Rolle. Deshalb bilden wir (Aachener Zeitung, Aachener Nachrichten) nur multimedial aus (Recherche, Video, Moderation, Sprache, Sorgfalt, Analyse…). Dazu haben wir Partner wie WDR, RTL, Rundfunksender, Presserechtler, Agenturen.
  3. Qualität heißt: zuverlässige Quellen, Nachhaltigkeit, Gründlichkeit. Eine zeitlose und hoffentlich nie aussterbende Basis für jedes journalistische Geschäftsmodell. Über welchen Kanal, ist doch völlig egal. Dazu passt das schöne Zitat des Kollegen Harald Martenstein: „Rettet den Inhalt, nicht die Hülle!“
  4. Endlich begreifen und praktizieren, gerade im lokalen Journalismus: niemals Kumpanei, Schulterklopfen oder distanzloses Mittendrin. Gute Journalisten sind selbstbewusst, rückgratstabil, konfliktbereit.
  5. Mut zum Anderssein, zum Überraschenden. Nicht jeden mit allem bedienen, Mut zum Weglassen.
  6. Lokale Kompetenz beweisen: berichtend, fragend, im Dialog, im Forum, interaktiv. Rausgehen. Zuhören, erklären, gemeinsam mit Bürgern Themen setzen. Damit haben wir Erfolg.
  7. Nicht einseitig sein, keine Honoratiorenzeitung. Keine Bevormundung, keine hoheitliche Verkündigung in harmlosen Sowohl-als-auch-Kommentaren. Ende des Sender-Empfänger-Modells akzeptieren und Neues entwickeln. Social-Media und andere Kanäle als Chance begreifen, nicht als Bedrohung.
  8. Online das aktuellste Nachrichtenportal sein. Sich von der Illusion gedruckter Exklusivität verabschieden. Die gibt es in Online-Zeiten nicht mehr. Den Unterschied zwischen Print- und Online-Sprache kennen. Online endlich professionell sein.
  9. Märkte ändern sich, daran mitwirken: Experimente wagen. Erfolg haben. Auch mal scheitern.  Nicht verzagen. Dabei über die diversen Zielgruppen, ihre Erwartungen und die dafür nötigen neuen Produkte nachdenken. Es gibt da mehr als nur Nischen, die zu besetzen sind, zum Beispiel eine lokal-regionale digitale Tageszeitung für eine Technologie- und Wissensregion wie Aachen gemeinsam mit Akteuren aus diesem Bereich. Wir haben übrigens seit einem Jahr eine regionale, digitale und tagesaktuelle Abendzeitung, die ab 19 Uhr zum Download freigegeben wird.
  10. Mehrwert (abgenutzter Begriff, pardon): Service, fundierte lokale Information, ernsthaft fragen, was wirklich relevant ist. Sagen, was ist. Kritisieren, was kritisiert werden muss. Zuhören, wo Menschen etwas zu sagen haben, Skandalisierung vermeiden, aber keine falschen Rücksichten nehmen. Emotion. Vor allem: nicht jammern. Und schon gar nicht: aussterben!

Fazit: Weil das Lokale für uns Kerngeschäft ist, bündeln wir hier unsere Kompetenz, nicht in der Auslandsberichterstattung. Die lokale Berichterstattung bauen wir stetig aus. Das wird so bleiben. Gedruckt und besonders digital. Es stimmt: Die gedruckten Auflagen sinken. Auch das stimmt: Die Reichweite ist stabil oder steigt – dank der digitalen Angebote, die bei uns weitestgehend kostenpflichtig sind und entgegen mancher Prognosen gut angenommen werden.

Autor: Bernd Mathieu (Aachen)

 

zum Autor:

geb. 1954, Chefredakteur der Aachener Zeitung seit 1995, zusätzlich der Aachener Nachrichten im von ihm entwickelten Modell „Eine Redaktion – zwei Zeitungen“ seit 2003. Vorsitzender der Jury des Theodor-Wolff-Preises; seit 2003 Lehrbeauftragter, seit 2008 Honorarprofessor an der FH Aachen im Studiengang Media and Communication for Digital Business;  Konzeption und Realisierung eines neuen Multi-Media-Volontariats des Zeitungsverlages Aachen in Kooperation mit WDR-Fernsehen, Phönix, RTL, Hartaberfair, Radiosendern, Hochschulen. Redaktion mehrfach ausgezeichnet für vorbildlich Leser-Blatt-Bindung, u.a. mit dem Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

 

 

Letzte Änderung: 24.2.2016
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